Handauflegen und Heilen – Eine Aufgabe der Kirchen?

„Handauflegen und Heilen in Kirche und Seelsorge“, unter diesem Titel steht die Tagung der SEK-Kommission „Neue Religiöse Bewegungen“ vom 10./11. November in Bern.

Heilen und Glaube? Da denken viele zunächst an exklusive Gemeinschaften, die Heilung mit mehr oder weniger sanftem Druck mit einem Bekenntnis zu Jesus Christus verbinden. Andere sehen gar keine Verbindung zwischen Heilen und Kirche, da sie Ersteres ausschliesslich bei der Medizin verorten.

In unserer Gesellschaft wird Heilung ja selten mit Glaube in Verbindung gebracht.

Schauen wir in die Welt, sehen wir, dass beispielsweise die reformierte, schottische Gemeinschaft Iona seit über 50 Jahren Heilungsgottesdienste feiert. (Ruth Burgess, Kathy Galloway, Praying for dawn, A resource book for the minitsry of healing, Glasgow 2009) Christen ausserhalb Europas rechnen selbstverständlich mit der heilenden göttlichen Kraft. Manche afrikanische Christinnen und Christen können überhaupt nicht verstehen, dass wir in den offiziellen Kirchen auf dem europäischen Kontinent kaum mit der heilenden Kraft Gottes rechnen.

Doch die Kraft des Gebets und des Handauflegens wird in jüngster Zeit auch in reformierten Landeskirchen in der Deutschschweiz neu entdeckt. Dabei dient die biblische Tradition als Wegweiser. Nebst den Heilungsgeschichten finden wir in den Evangelien auch Aufforderungen an die Nachfolgenden Jesu zu heilen: „Kommt ihr in eine Stadt, wo man euch aufnimmt, so esst, was euch vorgesetzt wird und heilt die Kranken.“ (Lk10,8f)

Diesem Auftrag in unserer Welt und Zeit nach zu gehen, bedarf einiger Übersetzungsarbeit. Die Vorstellung von Krankheit und Heilung ist immer abhängig von Ort und Zeit. Wir können uns aber fragen lassen, was denn heute, hier für uns dieser heilende Auftrag bedeuten könnte.

Ich sehe den heilenden Auftrag der Kirche auf vier Wirkebenen: 1. individuell auf der körperlichen und seelischen Ebene 2. sozial auf der politischen Ebene 3. ökologisch auf der Ebene der Mittgeschöpfe und 4. spirituell auf der Ebene der Gottesbeziehung.

Stellen wir uns eine Person vor, die unter einem Burnout leidet. Ich weiss, dass dieses Leiden durch strukturelle Ungerechtigkeit verursacht ist. Dieser Person die Hände aufzulegen, ohne sich auch für menschenfreundlichere Arbeitsbedingungen einzusetzen, wäre blasphemisch. Aber es wäre ebenso blasphemisch, dieser Person das geistige Heilen vorzuenthalten, und sich nur sozial-politisch zu engagieren.

Auf der individuellen Ebene bedeutet Heilung in biblischer Perspektive nicht primär, dass ein Zustand, der gesellschaftlich als „normal“ bezeichnet wird, wieder hergestellt werden soll. Es kann sein, dass jemand medizinisch geheilt wird. Es kann auch sein – und das ist nach meiner Erfahrung viel öfter der Fall – dass jemand einen Versöhnungsprozess durchschreitet und erfährt: „Ich bin mit meiner Krankheit heil.“ Auch im Frieden zu sterben kann Ausdruck eines Heilungsweges sein.

Das Heilungswirken Gottes berührt die Heilsuchende Person durch vielfältige menschliche Hände; selbstverständlich auch durch die Hände der Ärzte. Zudem entdeckt gerade die moderne Medizin wieder, dass Spiritualität eine Dimension von Gesundheit ist. (siehe zB. Arndt Büssing u.a. Spiritualität, Krankheit und Heilung – Bedeutung und Ausdrucksformen der Spiritualität in der Medizin, Frankfurt a.M. 2006) In den Landeskirchen ist diese Entdeckung noch ein zartes Pflänzchen.

Mir persönlich ist das Handauflegen nach der Open-Hands-Schule vertraut. (Anne Höfler, Open Hands, Grundlagen und Praxis des Handauflegens, München 2011) Dabei werden einem Menschen achtsam die Hände aufgelegt. An die Person, die sich so „behandeln“ lassen will, werden keinerlei Anforderungen gestellt. Sie muss nicht etwa besonders gläubig sein. Sie kann so, wie sie ist, sich die Hände auflegen lassen. Wichtig ist, dass sie dies aus freien Stücken will.

Andererseits sollten ein paar Voraussetzungen erfüllt sein, wenn jemand im seelsorglichen Kontext einem anderen Menschen die Hände auflegt:

Nach 1. Kor 12,9 ist die Gabe der Heilung eine Gabe. Wie jede andere Gabe oder Begabung kann sie geschult werden. Niemand kann ohne Gesangsunterricht Profisänger werden. Das gilt für die Gabe des Heilens genau so.

Viele Eltern singen mit ihren Kindern, viele Eltern legen ihren Kindern intuitiv die Hände auf, wenn sie Schmerzen haben. Da wird die Gabe der Heilung breit und ebenso wirksam eingesetzt. Für eine professionelle Anwendung muss die Gabe aber geschult werden.

Niemand, der Handauflegen ernsthaft praktiziert, wird medizinische Diagnosen oder Prognosen stellen. Er wird sich nicht in medizinische oder psychotherapeutische Behandlungen einmischen. Zudem gelten dieselben professionellen Ansprüche, wie sie im Bereich der Seelsorge gelten sollten: regelmässige Weiterbildung und regelmässige Supervision.

So kann Handauflegen erfahrbar werden lassen, wovon in den Kirchen oft gesprochen wird. „Du bist gehalten!“, wird ab und zu in Predigten gesagt. Solche Worte können allerdings rasch als aufgesetzt und hohl empfunden werden. Wenn mir aber jemand achtsam und absichtslos die Hände auflegt, kann ich die Kraft erfahren, von welcher diese Worte erzählen. Das ist eine starke Wirkung.

Diese Wirkung wird vom Zürcher Institut Neumünster und dem Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich wissenschaftlich untersucht. Eine im letzten Jahr veröffentlichte Studie legt nahe, dass das Handauflegen depressive Symptome nachhaltig und signifikant reduzieren kann.

Roberto Assagioli (1888-1974), Psychiater und Begründer der Psychosynthese, bezeichnete die „spirituelle Therapie“ gar als „edelstes und kostbarstes Heilmittel“. Auf seine wichtigen Fragen, die er an diese stellt, kann es an der Tagung im November vielleicht einige Antworten geben oder zumindest Hinweise, in welche Richtung die Suche nach Erklärungen gehen könnten.

Andreas Haas, 2017