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  G12 (g|zwölf)
Wirksamste Evangelisationsmethode oder sektenhafte Struktur?
Die (neo)charismatische Szene war in den letzten Jahrzehnten geprägt von einer Vielzahl neuer Konzepte und Ideen, welche dem Christentum (neo)charismatischer Prägung zum zahlenmässigen Durchbruch verhelfen sollten, erinnert sei bloss an John Wimbers Power Evangelism, an die Gemeindeaufbau-Bewegung, die Propheten-Bewegung und den Toronto-Segen. In den letzten Jahren lag das Schwergewicht auf der Idee der Zellgruppen-Gemeinde, die wiederum in verschiedenen Varianten vertreten wird. Grundlegend ist der Gedanke, dass die Gemeinde zusammen Gottesdienst feiert, sich daneben aber in eine Vielzahl von Kleingruppen aufteilt, so dass jedes Mitglied in einer solchen Kleingruppe (Hauskreis, Zelle) auf familiäre Weise aufgehoben ist. Besonders ausgeprägt erscheint dieses Modell in der sog. Hauskirchen-Bewegung: hier wird die Kleingruppe zur eigentlichen Gemeinde, die z.B. die Sakramente spendet. Hintergrund des Konzeptes ist der Gedanke, dass Kleingemeinden äusserst schichtspezifisch vorgehen können und so Menschen ähnlichen Alters, Bildungsstands, sozialer Stellung und ethnischer Herkunft versammeln können. Diese Einheitlichkeit der Kleingruppen soll die Werbung erleichtern, da man sich bevorzugt Gemeinschaften von Menschen in ähnlicher Lebenslage anschliessen würde. Die Einheit des Christentums wäre dadurch gewährleistet, dass sich die Hauskirchen einer Region periodisch zu Grossgottesdiensten zusammenfinden würden.

In der Zellgruppen-Bewegung ist in den Neunzigerjahren ein neues Modell aufgetaucht, welches zuerst in Südamerika, dann in England und seit 2002 durch die icf-Bewegung auch im deutschen Sprachraum vertreten wird: das sogenannte G12-Gemeindemodell (beim icf jeweils "g|zwölf" geschrieben), welches von den Befürwortern als die wirksamste Evangelisationsmethode überhaupt beschrieben, von Gegnern als sektenhafte Struktur abgelehnt wird.

Der Initiator
Initiator von G12 / g|zwölf ist der Kolumbianer César Castellanos Dominguez. Castellanos, der eine pfingstliche Theologie mit (deutlichen) Elementen der Wort-des-Glaubens-Bewegung vertritt, will im Jahr 1983 eine göttliche Offenbarung gehabt haben. Am Strand habe ihm Gott zugesagt, dass er eine Bewegung beginnen solle, die so zahlreich würde wie die Sandkörner am Meer. Castellanos gründet deshalb unter dem Namen Misión Carismática Internacional (MCI) in Bogotá eine eigene Gemeinde. 1986 besucht Castellanos, wie so viele andere charismatische Leiter zu der Zeit, die Yoido Full Gospel Church des Paul (inzwischen David) Yonggi Cho in Soeul in Korea, welche ein äusserst erfolgreiches Hauszellenmodell umgesetzt hatte. Castellanos gestaltet die MCI zur Hauszellen-Gemeinde um. Doch die MCI bleibt von den Wachstumszahlen der Yoido Full Gospel Church weit entfernt, weshalb Castellanos mit Gott um ein besseres Konzept ringt. Da sei ihm, wie er berichtet, im Jahr 1991 das Konzept G12 offenbart worden. Durch G12 verzeichnet die Gemeinde in den folgenden Jahren ein ungeahntes Wachstum, wobei das Konzept G12 bis Ende der Neunzigerjahre weiter entwickelt wird. Inzwischen gilt es als ausgereift und tel quel zu übernehmen. Im Frühling 2002 wird G12 als g|zwölf von der icf-Mutterkirche in Zürich eingeführt und seither von den lokalen icf-Gemeinden im deutschen Sprachraum übernommen.
Government of the Twelve
G12 ist gleichzeitig eine Gemeindestruktur und ein evangelistisches Konzept. Der Name "G12" leitet sich ursprünglich aus "Gruppe von 12" ab, wird von den G12-Vertretern heute aber als "Government of the Twelve", die Regierung der Zwölf, gedeutet. Obwohl G12 auf einer neuen Offenbarung beruht, versuchen seine Propagatoren, das Konzept in der Bibel wiederzufinden - Kritiker sprechen von einem typischen Fall von Eisegese, von einem Hineinlesen in die Bibel. So wird etwa behauptet, dass die Zahl Zwölf in der Bibel für Herrschaft stehen würde, und dass folglich Herrschaftsstrukturen auf dieser Zahl aufzubauen seien.
Die Hauptaufgabe
Das G12-System ist radikal zielorientiert. Alle Gemeindeangelegenheiten werden einem einzigen Ziel untergeordnet: der Evangelisation. Die Erfüllung des Missionsbefehls ist aus Sicht des G12-Konzeptes der Hauptzweck des Christseins, alle anderen Fragen christlichen Lebens müssen dahinter zurücktreten. So ist G12 rücksichtslos auf Gemeindewachstum ausgerichtet. Die Gemeinde muss zwar so ansprechend gestaltet sein, dass Menschen zu ihr hinzustossen, aber die Neuen in ein Wohlfühl-Christentum einzuführen ist nicht die Absicht. Statt dessen sollen die neu Dazugekommenen möglichst schnell "reifen", um ihrerseits wieder Menschen anzuwerben.

G12-Vertreter werden nicht müde zu betonen, dass G12 das effizienteste Konzept zur Evangelisation sei. Und da die Erfüllung des Missionsbefehls als Hauptaufgabe des Christen dargestellt wird, kann sich der Gedanke ergeben (der z.T. auch unterschiedlich deutlich formuliert wird), dass derjenige, der auf G12 verzichtet, Gott nicht wirklich liebt und in seinem Rang als Christ fraglich wird. Eine Ausschliesslichkeit resp. eine Heilsnotwendigkeit von G12 wird noch nicht gelehrt. Weit davon entfernt ist manche Argumentation aber nicht mehr.

Jünger von Matthias?
Grundlegend bei G12 ist die Idee, dass jedes Gemeindemitglied im Laufe ihres Lebens zwölf Jünger anwerben soll (die dann tatsächlich seine Jünger - und nicht etwa Jünger von Jesus - heissen. So kann man im icf z.B. Jünger von Matthias oder Thomas sein). Für seine Jünger ist das Mitglied der "Mentor" (dies ein Begriff, welcher bisher eher in okkulten Organisationen begegnete, etwa im IOT). Der Mentor empfängt seine Jünger wöchentlich (beim icf vierzehntäglich) zum G12-(g|zwölf)-Treffen. Hier wird anhand von vorgegebenem Material gemeindeweit und altersstufenübergreifend die Thematik der Predigten vertieft. Hauskreis-Programmabende und dergleichen fallen folglich weg, Kreativität ist nicht vonnöten. Ziel der Sache ist es, dass die ganze Gemeinde am gleichen Thema arbeitet, z.B. indem der Befreiungsdienst, der charismatische Exorzismus, sonntags gelehrt und dann werktags in den G12-Gruppen praktisch ausprobiert wird.
G2 neben G12
Im Unterschied zu Hauskreisen und Zellgruppen sind G12-Gruppen geschlechtsgetrennt, Frauen betreuen bloss Frauen und Männer bloss Männer. Ein weiterer, ganz wesentlicher Unterschied ist die Tatsache, dass sich G12-Gruppen nie teilen. Niemand sucht sich mehr als 12 Jünger, ist diese Zahl erreicht, liegt die Aufgabe des Mentors darin, seine Jünger dabei zu unterstützen, eigene Jünger zu finden, die er dann als Mentor betreut.

Mithin ist jedes Mitglied beides, Jünger einer Person und Mentor von maximal zwölf anderen. Ebenso ist jedes Mitglied in zwei G12-Gruppen dabei, einmal als Jünger, einmal als Mentor. Ein Ehepaar, das bei einer Hauszellen-Gemeinde normalerweise bloss zu einer Zelle gehört, ist im G12-System Teil von vier verschiedenen Gruppen. Dieses strukturell bedingte Auseinanderreissen von Paaren und Familien wird von Kritikern denn auch als einer der erheblichen Mängel der G12-Struktur angemahnt (durch das Faktum, dass neben den G12-Treffen ostentativ ein G2 (g|zwei), ein wöchentlicher Abend mit dem Partner, empfohlen wird, dient in den Augen der Kritiker eher dazu, die Problematik zu bemänteln denn zu beheben. Denn wenn man sich einen Abend zu zweit förmlich reservieren muss, ist das sicher kein gutes Zeichen).

Der Dienstweg
Dem Mentor kommt aber nicht nur, eigentlich nicht mal in erster Linie, die Aufgabe zu, die G12-Treffen seiner Jünger zu leiten. Er hat vielmehr den Auftrag, seine Jünger seelsorgerlich und in Glaubensfragen zu begleiten. In diesem Punkt ist das G12-System recht rigide: Der Dienstweg ist einzuhalten: Wer ein Problem hat, ist gehalten, sich an seinen Mentor zu wenden. Ist der überfordert, legt er die Sache seinem eigenen Mentor vor usw. Es gibt in G12-Gemeinden keine freie Wahl des Seelsorgers mehr. Im icf ist es so, dass sogar gemeindeeigene Beratungsstellen z.B. für Rechts- oder Finanzfragen nur unter Beisein des Mentors aufgesucht werden können. Es ergibt sich der Eindruck, dass der Mentor ins Leben seiner Jünger einen umfassenden Einblick erhalten soll. Icfler schwärmen denn auch von der "Enge" der Beziehung von Mentor und Jünger. Dass eine enge Beziehung immer auch Kontrolle bedeutet, ist im G12-System Absicht. Jedes Mitglied soll für die Evangelisation fruchtbar gemacht werden.

Ebenso werden Trauungen von icflern heute in der Regel durch die Mentoren durchgeführt, nur wo das nicht möglich ist, kann auf einen Prediger zurückgegriffen werden. Dass ein Mentor im Normalfall weder über eine Seelsorge- noch eine Prediger-Ausbildung verfügt, ist klar. Der icf versucht diesen Mangel mit Schnellbleichen für Mentoren zu beheben.

Zwei Pyramiden
Da jeder Mentor Jünger seines eigenen Mentors ist, ergibt sich ein Pyramidensystem, welches aus zwei Hierarchie-Pyramiden - eine der Frauen, eine der Männer - besteht. An der Spitze der Pyramiden stehen der Gemeindeleiter und seine Frau, in der MCI César Castellanos und seine Frau Claudia, im icf Zürich Leo Bigger und seine Frau Susanna. Die G12-Gruppen der Leiter, also die Gruppen der direkten Jünger der Leiterschaft, können Alpha-G12 heissen, im icf sind die direkten Jünger von Leo und Susanna Bigger die sog. "Stammleiter", und die ihnen unterstellten Mentoren-Jünger-Linien die "g|zwölf-Stämme". Dem "Stammleiter" kommt eine besondere Bedeutung zu, er ist z.B. bei der Durchführung von gewissen Veranstaltungen zu informieren.

Wie bei jeder Hierarchie kann auch in G12-Gemeinden der Rang des Einzelnen von seiner hierarchischen Position abhängen, so kann ein icfler dem Schreibenden stolz erzählen, sein Mentor sei ein direkter Jünger eines direkten Jüngers des Leiters Leo Bigger - die Auskunftsperson befindet sich also auf 3. Stufe.

Auf jeden Fall ergibt sich das Bild einer extrem steilen Hierarchie. Wenn der icf in einem Werbebrief an Sponsoren als einer seiner Vorzüge "eine flache Hierarchie" anführt, dann ist das eine gestörte Selbstwahrnehmung in einem derart unverständlichen Mass, dass man sich fast unwillkürlich fragt, ob hier nicht bewusst täuschend argumentiert wird.

Missionsdruck
Die Ausrichtung einer G12-Gemeinde auf Evangelisation hat durchaus Konsequenzen. So wird in der Beratungsarbeit deutlich, dass der missionarische Einsatz gerade junger icfler seit der Einführung von G12 deutlich gestiegen ist. Das Phänomen ist auch verständlich: Wusste vor G12 nur der Einzelne selbst, wieviele Menschen er zum icf geführt hat (oder eben auch nicht), und war so in der Umsetzung der Aufforderung zur Mission frei, ist das mit G12 nicht mehr so. Jetzt ist sogleich klar, wieviele Jünger man hat, zudem sitzt der Mentor im Nacken, der den Auftrag hat, einen zur Gewinnung von Jüngern anzuleiten. Gerade bei icflern im Teenie-Alter führt das nach unserer Wahrnehmung zu einem rechten Missionsdruck. Klar ist auch, dass ich, wenn ich möglichst schnell Jünger gewinnen soll, diese nicht wie vom icf gebetsmühlenartig wiederholt unter entkirchlichten Menschen suche, sondern bei aktiven Mitgliedern anderer Gemeinden. Dass G12 zwangsläufig zu Gemeindeproselytismus, zum Abwerben von Mitgliedern anderer Gemeinden führt, ist denn auch einer der Punkte, die von G12-Kritikern angemahnt werden.
Sektenhafte Struktur?
Hauptpunkt der Kritik ist neben der schlicht fehlenden biblischen Abstützung von G12 aber das sektenähnliche Bild, welches die Struktur einer G12-Gemeinde abgibt. Die Parallelen etwa zum Discipling-System der Internationalen Gemeinden Christi sind überdeutlich. Kritiker wie der Hauskirchen-Vordenker Wolfgang Simson sehen bei G12 denn auch die Gefahr einer neuen Sklaverei. Simson weist darauf hin, dass seiner Ansicht nach durch das G12 System Menschen missbraucht statt freigesetzt würden, und dass die Pyramidenbildung eindeutig zum Personenkult führe.

Wie weit sich Simsons Befürchtungen bewahrheiten, muss die Zukunft zeigen. Klar und aus der Geschichte sektenhafter Gruppen eindeutig zu belegen ist aber das Faktum, dass sich sektenhafte Strukturen im Allgemeinen zu einer eigenen Dynamik verdichten. Es ist praktisch unmöglich, ein Strukturelement radikalerer Gruppen zu übernehmen, ohne dass diese Entscheidung nicht weitere Radikalisierungen in anderen Bereichen nach sich zieht. Insofern ist die Prognose für G12 nicht günstig.

Es macht Sinn, dass das Neue Testament eben gerade kein verbindliches Gemeindemodell, kein vorgeschriebenes Evangelisationsverfahren lehrt. Jeder Versuch, ein solches einzuführen und als unabdingbar durchzusetzen, führt hinein in Zwänge menschlicher Strukturen, die am Ende gerade das verraten, was sie zu verbreiten vorgeben: Die Freiheit des Evangeliums.

Georg Otto Schmid, 2004
Letzte Aenderung 2004, © gos 2004, Infostelle 2000
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